10 Jahre Stadtratsbeschluss: Rede des scheidenden 1. Vorsitzenden Johannes Metzdorf-Schmithüsen
10 Jahre Stadtratsbeschluss:
„Kommunale Umsetzung der Beschlüsse der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992)“ und Erarbeitung einer „Lokalen Agenda 21 für die Stadt Trier“ vom 23.11.1998
Rede des scheidenden 1. Vorsitzenden Johannes Metzdorf-Schmithüsen
Rathaussaal am 28. November 2008
1. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
zunächst über eine „konsensstiftende Leerformel“ zu reden.
Als domestizierter Begriff geht er glatt von den Lippen – des tieferen Sinnes entleert. Nachhaltigkeit tut dann nicht mehr weh. Das Anstößige, Provozierende hat sich verloren. So brauchen wir also eine „nachhaltige Steuerpolitik“ und auch eine „nachhaltige Bekämpfung des Rechtsradikalismus“. Und der Beifall nach einem Konzert, der ist dann auch schon einmal „nachhaltig“ (TV). Aus der Chef-Etage des Gerling-Konzerns ist zu hören: Nachhaltigkeit sei „eine positive Fortschreibung unseres heutigen Lebensstandards“, und bei einem Forum von 20 Großunternehmen wird die Einbeziehung von „Versorgungssicherheit“ und „Wettbewerbsfähigkeit“ als notwendig erachtet. Bei den deutschen Texten zu dem Dokument von Rio wird (- so auch im Stadtratsbeschluss) bei dem Wort „Nachhaltigkeit“ das dahinter stehende englische Wort aus gutem Grund mit genannt: sustainable, sustainability. Es geht um unsere natürlichen Grundlagen. Sie sollen „aufrecht erhalten“ bleiben, „bei Kräften bleiben“. Aber genauso wie ich als Theologe weiterhin von Vertrauen und Glaube, Liebe, Hoffnung reden werde , - obwohl die Werbung in der wahren Welt mit den Begriffen Schindluder treibt, - so werden wir weiterhin von Nachhaltigkeit reden und reden müssen. Wir müssen dann eben gegebenenfalls in unserem Reden weiter ausholen und erklären.
2. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
darüber nachzudenken, wen wir mit unserer „Sache“ erreichen können. Wer kommt mit ins Boot? Oder, - um noch ein Bild aus der Schifffahrt zu verwenden: Wer hilft mit, diesen behäbigen Tanker >Gesellschaft< manövrierfähiger zu machen. Nicht mehr und nicht weniger wird uns allen ja Verhaltensveränderung abverlangt.
Gesagt – heißt noch nicht gehört. Gehört – heißt noch nicht verstanden. Verstanden – heißt noch nicht einverstanden. Einverstanden heißt noch nicht angewandt. Angewandt heißt noch nicht beibehalten. Ein langer Weg! Und obwohl doch unsere Botschaft alle Menschen gleichermaßen betrifft, müssen wir uns eine fundamentale Erkenntnis des Marketings zu Herzen nehmen: Wenn du alle erreichen willst, wirst du niemanden erreichen. Wir werden nicht alle mit derselben Sprache und Totalität erreichen. Sozialwissenschaftliche Erkenntnisse über den Aufbau unserer Gesellschaft sprechen heutzutage weniger von Schichten als viel mehr von Milieus, - deren Grenzen natürlich fließend sind. Wenn man sich damit beschäftigt, werden wir eben mit unseren Anliegen bei einigen dieser Milieus auf Ablehnung stoßen. Das sind z. B. die modernen „Performer“, die beruflich und privat „intensiv leben“ wollen. Oder die „konsumorientierten Arbeiter“, die versuchen Anschluss zu halten an die Konsum-Standards der breiten gesellschaftlichen Mitte. Oder die spaß- und unterhaltungsorientierten „Hedonisten“. Sie und noch andere werden wohl noch ein paar Katastrophen brauchen, bis sie ansprechbar werden für Sustainability. „Bürgerliche Mitte“ und die sogenannten „Postmateriellen“ stellen in ihren Milieus immerhin fast ein Drittel der Gesellschaft. Das ist doch schon einmal ein guter Anfang.
3. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
die Suche nach Indikatoren nicht aufzugeben. Wie können wir messen, welche Fortschritte wir machen? Was zeigt an, wenn wir die viel zitierten richtigen Schritte in die viel zitierte richtige Richtung machen? Am Anfang des Agenda-Prozesses hier in Trier ist darüber viel geredet worden. Die Anmahnung der Indikatoren ist allerdings etwas in den Hintergrund getreten, - gleichwohl aber dringend geboten. Im Hinblick auf Nachhaltigkeit sind schließlich allerlei Verneblungsaktionen im Gang. Das Modell grenzenlosen materiellen Wachstums in einer physisch begrenzten Welt ist überholt! Das ist die schwer einzusehende Erkenntnis.
Darum mogeln wir uns so durch und machen uns ein guten Gewissen. Auf dem Flughafen München fahren Wasserstoff-Busse, die Stromkonzerne verkaufen im Nischensegment auch grünen Strom, der internationale Konzern Deutsche Bahn bietet Leihfahrräder an, die Billigflieger werben mit Öko-Ferien, und unter den Heizpilzen werden Gerichte aus Biolebensmitteln serviert (Beispiele aus „Zukunftsfähiges Deutschland“, s. u.) Das Magazin der Süddeutschen Zeitung erschien im vergangenen Jahr mit dem Titel: >Das grüne Schmierentheater< - wie Großkonzerne mit Ökoparolen ihr Image verbessern. Doch dahinter steckt oft nur heiße Luft.
4. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
die Besinnung auf die Region als neue Chance anzusehen, - ihre Renaissance. Der Werbeslogan aus der Eifel >Regional ist 1. Wahl!< hat in meinen Ohren einen Klang, den ich durchaus als modern empfinde. Es entwickelt sich an vielen Orten eine Rückbesinnung auf den eigenen unmittelbaren Lebensraum. Man kann sogar heutzutage neu von „Heimat“ reden, ohne gleich verdächtigt zu werden in den Mief der Spießbürgerlichkeit zurück fallen zu wollen. Regionalisierung heißt jetzt nicht mehr „Provinzialismus“. Die klugen Gedanken und intelligenten Konzepte von überall her können die Grundlage für die eigenen Lösungen bilden.
Regionale Kreisläufe bekommen einen neuen Charme, die kurzen Wege werden geschätzt. Eine Lokale Agenda hat hier eine große Chance, den Unternehmergeist mittelständischer Unternehmen noch intensiver verknüpfen und vernetzten zu helfen. Die Bankenkrise sollte uns auch noch einmal ermuntern, über das Regionalgeld erneut nachzudenken. Es könnte ein Vehikel sein, um die Regionalisierung zu befördern. Apropos Bankenkrise. Ich habe ein Gedicht von Erich Kästner von 1931 (!) mitgebracht. Es passt gerade gut in diesen Zusammenhang.
Auf einer kleinen Bank
vor einer großen Bank
(Zur bleibenden Erinnerung an den Juli 1931)
(Erich Kästner)
Worauf mag die Gabe des Fleißes,
die der Deutsche besitzt, beruhn?
Deutsch sein heißt (der Deutsche weiß es)
Dinge um ihrer selbst willen tun.
Wenn er spart, dann nicht deswegen,
dass er später davon was hat.
Nein, ach nein! Geld hinterlegen
findet ohne Absicht statt.
Uns erfreut das bloße Sparen.
Geld persönlich macht nicht froh.
Regelmäßig nach paar Jahren
klaut ihr's uns ja sowieso.
Nehmt denn hin, was wir ersparten!
Und verludert's dann und wann!
Und erfindet noch paar Arten,
wie man pleite gehen kann!
Wieder ist es euch gelungen.
Wieder sind wir auf dem Hund.
Unser Geld hat ausgerungen.
Ihr seid hoffentlich gesund.
Heiter stehn wir vor den Banken.
Armut ist der Mühe Lohn.
Bitte, bitte, nichts zu danken!
Keine Angst, wir gehen schon.
Und empfindet keine Reue!
Leider wurdet ihr ertappt.
Doch wir halten euch die Treue.
Und dann sparen wir aufs neue,
bis es wieder mal so klappt.
5. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
die Theoriefeindlichkeit zu überwinden. Ich meine sie an manchen Ecken zu entdecken. Natürlich brauchen wir Praktiker und Pragmatiker. Ich bin indessen davon überzeugt, dass auch kleinere Visionen oft genug als „nicht machbar“ und „unrealistisch“ abgetan werden. - Wir haben in Trier schließlich so etwas wie einen virtuellen Wissenschaftsladen. Gemeint ist die Kompetenz in vielen Fachbereichen unserer Universität und Fachhochschule. Die Unileute sitzen nicht mehr im Elfenbeinturm (- eine selbst gewählte Isolation, die sich nicht um Gesellschaft und Tagesprobleme kümmert), - sie sitzen da schon lange nicht mehr. Warum nicht öfter diesen virtuellen Wissenschaftsladen aufsuchen und Beratung annehmen? Eine „Muckibude“ intellektueller Vermittlung wartet auf unseren Besuch. Warum nicht auch einmal ein dickes Buch zur Hand nehmen: „Zukunftsfähiges Deutschland in einer globalisierten Welt. Ein Anstoß zur gesellschaftlichen Debatte“, eine Studie des Wuppertaler Instituts für Klima, Umwelt, Energie. 600 Seiten im Oktober diesen Jahres erschienen. Speziell in den Kapiteln 14, 19 und 20 wird auch für uns Hilfreiches ausgeführt.
6. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
das Handeln der Stadt mit seinen Entscheidungsträgern zur reflektieren. Angesichts der drängenden Fragen wünsche ich mir einen Stadtrat, der mit seinen Dezernenten und der Verwaltung als Gebot der Stunde zu einer neuen Beweglichkeit findet. Die Suche nach einem schlüssigen Nachhaltigkeitskonzept als gemeinsame Querschnitts-aufgabe sollte alle einen, - auch wenn man sich halt in verschiedenen Parteien und Fraktionen organisiert. Das Thema ist viel zu ernst, als dass es zwischen den Parteien zerrieben werden dürfte. Es eint! Auch dann, wenn es natürlich zum sachgerechten Streit kommt, auf welchem Weg Zukunftsfähigkeit für Trier erreicht werden kann. Die berühmt berüchtigten drei Grundsätze: „Das war schon immer“, „Das haben wir ja noch nie gehabt“, „Da könnte ja jeder kommen“, sind ja sicher schon lange auf dem Rückzug.
7. Über Nachhaltigkeit reden heißt ...
das Handeln unseres Vereins zu reflektieren. Ich glaube, dass wir mit unseren vier Säulen auf dem richtigen Weg sind. Bildung, Energiewende, Regionale Wirtschaft und Bürgerbeteiligung haben sich als Schwerpunkte heraus kristallisiert. Die Frage von Verkehr und Mobilität beschäftigt uns zurecht zunehmend. Da es ein Thema ist, das gleichermaßen alle vier Bereiche berührt, verstehe ich diese brennende Frage als eine Art Querschnittsbereich, der sicherlich an Bedeutung gewinnen kann. Leider ist das Thema emotional hoch besetzt. Vielleicht können wir zur Versachlichung etwas beitragen. Auf dem Feld „Stadt am Fluss“ würden wir uns gerne mehr mit einbringen. Das ist uns aber leider noch nicht gelungen.
Unser Verein wächst, die Mitgliederzahl steigt. Über kurz oder lang wird sich der Verein darüber Gedanken machen müssen, ob er eine weitere Mitarbeiterstelle benötigt für Öffentlichkeitsarbeit, Mitgliederbetreuung und besonders die Begleitung von Firmenmitgliedschaften. Vielleicht machen wir ja einmal eine Erbschaft oder gründen eine Stiftung. Gerade letzteres könnte Aufgabe einer kleinen Arbeitsgruppe sein.
Wer das Tagesgeschäft unserer Geschäftsstelle mit erlebt, wird feststellen, wie energiegeladen und motiviert dort gearbeitet wird, manchmal bis zum Anschlag (wie es so schön heißt).
Darum gehört ihnen am Ende meiner Rede mein besonderer Dank:
Frau Menzel, Frau Kleinwächter, Herrn Brkic.