29.09.2008

Eine Zukunft, in der alle Länder unter Strom stehen

Von: Michaele Schreyer

Süddeutsche Zeitung Thema des Tages Seite 2 Samstag, 30. August 2008

Wenn die EU sämtliche Potentiale erneuerbarer Energie nutzen würde, wäre sie nicht mehr auf Öl, Gas und Uran angewiesen

 

Erneuerbare Energien spielen für Europas Energiepolitik neben der Energieeinsparung und der Verbesserung der Energieeffizienz eine Schlüsselrolle. Sie tragen zur Bekämpfung des Klimawandels bei. Sie reduzieren als eigene Energiequellen die Importabhängigkeit. Sie erhöhen somit die Versorgungssicherheit. Darüber hinaus verringern sie die Abhängigkeit der Volkswirtschaften von drastisch gestiegenen Preisen für Öl, Gas und Uran, und die technologische Entwicklung in dieser Zukunftsbranche steigert die Wettbewerbsfähigkeit der EU. Soweit besteht Konsens.

Uneinigkeit herrscht aber darüber, welchen Anteil an der Energieversorgung die erneuerbaren Quellen letztlich übernehmen könnten. Europa verfügt aufgrund seiner geologischen, klimatischen und hydrologischen Gegebenheiten über alle Formen erneuerbarer Energiequellen, aus denen Strom gewonnen werden kann: Wasserkraft, Windenergie, Solarthermie, Photovoltaik, Geothermie, Wellen- und Gezeitenkraft und Biomasse. Sie können alle, wenn auch nicht in jedem Land oder in jeder Region, auf dem europäischen Kontinent entwickelt, erschlossen und genutzt werden.

Eine sehr detaillierte Schätzung über die europäischen Potentiale zur Erzeugung von grünem Strom einschließlich ihrer regionalen Verteilung hat das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt im Auftrag des Bundesumweltministeriums mit Hilfe seines Geographischen Informationssystems 2007 erstellt. Das Ergebnis dieser Schätzung für die EU und für angrenzende Staaten ist eindeutig: Das ökonomische, also das wirtschaftlich realisierbare Potential für die Erzeugung von grünem Strom ist mit mehr als 5700 Terrawattstunden erheblich größer als der heutige Stromverbrauch von circa 3700 Terrawattstunden oder der für die Zukunft prognostizierte Bedarf (eine Terrawattstunde ist gleich eine Milliarde Kilowattstunden). Die EU und die genannten Staaten haben also eindeutig das Potential, um den gesamten Strombedarf aus erneuerbaren Energiequellen zu decken.

Welche Schlüsse sind daraus für die europäische Energiepolitik zu ziehen? Erstens: Die EU nutzt bisher nur wenig mehr als ein Zehntel ihres verfügbaren Potentials für die Erzeugung von Strom aus den eigenen erneuerbaren Energiequellen. Stellt man dem Potential die im Jahr 2005 erzeugte Menge an grünen Strom gegenüber, zeigt sich: Von dem ökonomischen Potential zur Stromerzeugung aus Erdwärme werden nur drei Prozent, aus Photovoltaik lediglich ein Prozent genutzt, und aus Windkraft könnte mindestens zwanzigmal so viel Strom gewonnen werden. Nur bei Wasserkraft liegt die Ausschöpfungsquote bei mehr als 60 Prozent, während die Stromgewinnung aus Meeresenergie durch Wellen- und Gezeitenkraftwerke noch keine Marktanteile hat und die Technologie der thermischen Solarkraftwerke momentan in Spanien in den ersten kommerziellen Anlagen eingesetzt wird. Das zeigt: Wir stehen in der EU erst ganz am Anfang der Erschließung unserer erneuerbaren Energiequellen.

Zweitens: Die EU sollte verstärkt erneuerbare Energiequellen erschließen und nutzen. Es ist einerseits gut und richtig, dass im Rahmen des Energie- und Klimapakets der EU verbindliche Mindestziele für den Anteil erneuerbarer Energien für jeden einzelnen Mitgliedstaat festgelegt werden, die durch nationale Maßnahmen erreicht werden müssen und die in der Summe für die EU einen Anteil von 20 Prozent bis zum Jahr 2020 ergeben.

Die erneuerbaren Energiequellen sind natürlich nicht gleichmäßig regional verteilt. Einige europäische Staaten können weit mehr grünen Strom erzeugen, als sie für den eigenen Bedarf benötigen, bei anderen Staaten ist die Situation umgekehrt. So könnte zum Beispiel Spanien über seinen Bedarf hinaus Regenerativstrom exportieren, der mehr als ein Drittel des Strombedarfs der EU deckt. Oder Norwegen, ein Land des Europäischen Wirtschaftsraums, das bereits seinen ganzen Strombedarf aus erneuerbaren Quellen deckt: Norwegen könnte zweieinhalb Mal so viel grünen Strom erzeugen, als es selbst braucht.

Erfolgreich ist deshalb eine Strategie, die die Vorteile einer dezentralen Nutzung von örtlichen erneuerbaren Energievorkommen mit den Vorteilen eines europäischen Verbundnetzes für grünen Strom vereint. Ein europäischer Binnenmarkt für grünen Strom mit einem europäischen Verbundnetz würde nicht nur die bessere Ausschöpfung der regional unterschiedlich verteilten Potentiale erlauben, sondern auch den Ausgleich der zeitlich und räumlich schwankenden Verfügbarkeit. Dabei sollte die EU selbstverständlich auch offen sein für die Kooperation mit Drittstaaten, weshalb die Initiative für einen Solarplan im Rahmen der Mittelmeerunion sehr zu begrüßen ist.

Für das gemeinsame europäische Handeln sollte die EU endlich die gleiche Entschlossenheit an den Tag legen, wie sie in dem seit 1957 bestehenden Vertrag über die Europäische Atomgemeinschaft zum Ausdruck kommt. Aufgrund des Euratom Vertrags werden aus dem europäischen Forschungsbudget auch im Zeitraum 2007 bis 2011 mit jährlich 550 Millionen Euro weit mehr Mittel für die Kernforschung zur Verfügung gestellt als für erneuerbare Energien. Und für die Entwicklung und den Bau des Fusionsreaktors Iter haben die Mitgliedstaaten im vorigen Jahr die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens für die Dauer von 35 Jahren mit einem Zuschussbedarf aus dem EU-Haushalt von 7,6 Milliarden Euro beschlossen. Eine auch nur ansatzweise vergleichbare gemeinsame Anstrengung, um den Ausbau erneuerbarer Energien zu forcieren, fehlt bisher. Es ist deshalb an der Zeit, eine Europäische Gemeinschaft für erneuerbare Energien zu gründen. Sei es auf der Basis eines eigenen Vertrags oder sei es in Form einer verstärkten Zusammenarbeit von Mitgliedstaaten innerhalb der EU als einer Avantgarde für eine moderne Energieversorgung.

Drittens: Durch gemeinsames Handeln in Europa kann eine Vision verwirklicht werden, die sich für die einzelnen Mitgliedstaaten vielleicht als Utopie darstellen würde, nämlich den Strombedarf vollständig aus erneuerbaren Energien zu decken. Die Gründung einer Europäischen Gemeinschaft für erneuerbare Energien mit diesem Ziel könnte nach der Schaffung des gemeinsamen Binnenmarkts und der gemeinsamen Währung ein neues großes Projekt für Europa sein, das den Wert verdeutlicht, den gemeinsames Handeln für die Zukunftsfähigkeit Europas hat.

 

 

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