Interview mit Mycle Schneider über das Atomkraftwerk in Cattenom: "Die kleinste Panne kann zur Katastrophe werden"
Trierischer Volksfreund 25.07.2008 (Druckausgabe)
Wenn es im Kernkraftwerk Cattenom in Lothringen zu einem atomaren Zwischenfall kommt, sind mehr Menschen gefährdet als in jedem anderen französischen Atomkraftwerk. Daher ist die Anlage an der französischen Obermosel riskanter als alle anderen, sagt der Wissenschaftler und Träger des alternativen Nobelpreises, Mycle Schneider, im TV-Interview.
Trier. (wie) Der Sparzwang ist schuld an der Pannenserie in französischen Atomanlagen. Das sagt der international anerkannte Wissenschaftler und Träger des alternativen Nobelpreises, Mycle Schneider. Der 48-Jährige äußert sich im TV-Interview kritisch zur Sicherheit des Atomkraftwerks Cattenom. Die Fragen stellte unser Redakteur Bernd Wientjes.
Überrascht Sie die Pannenserie an französischen Atomanlagen?
Schneider: Nein, überhaupt nicht. Es passieren jedes Jahr in Frankreich zwischen 10 000 und 12 000 Zwischenfälle, von denen zwischen 600 und 800 als "signifikant" eingestuft werden, Tendenz steigend.
Woran liegt das?
Schneider: Die Liberalisierung des europäischen Strommarktes hat zu einer drastischen Sparpolitik geführt. Der frühere Präsident des staatlichen französischen Stromkonzerns EDF hatte als Vorgabe eine allgemeine Kostensenkung von 30 Prozent in fünf Jahren angekündigt. Da musste überall gespart werden. Beim Betreiber der Brennstoff-Fabriken und Dekontaminierungsunternehmen ist die Situation nicht viel anders. Außerdem haben beide Betreiber gemeinsam, dass sie ein gewaltiges Nachwuchsproblem haben. Allein bei EDF gehen 40 Prozent des Betriebs- und Wartungspersonals bis 2015 in Rente. Ein Alptraum für jeden Manager.
Wie sicher sind die Anlagen, wie groß ist die Gefahr, die von ihnen ausgeht?
Schneider: Eine absolute Antwort auf diese Frage wäre vermessen. Es lässt sich allerdings sagen, dass ein schwerer Unfall mit weit reichenden radiologischen Folgen nach wie vor absolut nicht auszuschließen ist.
Auch im Atomkraftwerk in Cattenom?
Schneider: Das AKW Cattenom gehört zu der Kategorie der 1300-Megawatt-Reaktoren, von denen insgesamt 20 in Frankreich betrieben werden. Auch hier ist ein schwerer Unfall nie 100-prozentig auszuschließen. Allerdings gibt es einen wesentlichen Unterschied zu anderen Standorten, und das ist die hohe Bevölkerungsdichte im Fall Cattenom.
Das heißt?
Schneider: Der erste Chef der französischen Atomaufsichtsbehörde trat aus Protest gegen die Wahl des Standortes zurück, und auch der zweite schrieb an sein Ministerium, Cattenom habe "besonders im Hinblick auf die Verteilung der Bevölkerung erheblich schlechtere Merkmale" als die meisten anderen Atomstandorte.
Es gab in diesem Jahr bereits einige gemeldete Zwischenfälle in Cattenom, angeblich alle geringfügig. Kann man diesen Aussagen trauen?
Schneider: Was heißt "geringfügig"? Es gibt ein großes Problem in der Bewertung des Schweregrades von Zwischenfällen. Die französische Atomindustrie und ihre Aufsichtsbehörde haben eine Bewertungsskala von eins bis sieben erfunden, die den Schweregrad von Ereignissen widerspiegeln soll.
Was sagen diese Bewertungen denn überhaupt aus?
Schneider: Es handelt sich ausschließlich um eine "Kommunikationsskala", die keineswegs das Risiko für Mensch und Umwelt einordnet. Schrammt man haarscharf an einer großen Katastrophe vorbei, ohne dass es zu Freisetzung von Radioaktivität kommt, so reicht es zum Beispiel nur zu einem Level zwei. Der Unfall in Tricastin, wo mehrere Dutzend Kilogramm Uran in die Umwelt freigesetzt wurden, drei Gemeinden eine absolute Trinkwassersperre hatten und offensichtlich ein weiteres Leck übersehen wurde, ist nur als Level eins eingestuft worden. Wie sieht dann bitte Level vier aus?
Wie viele Störfälle gab es Ihres Wissens bereits in Cattenom?
Schneider: In der Datenbank der Atomaufsichtsbehörde werden für Cattenom in den 20 Jahren zwischen 1986 und 2006 insgesamt 710 "signifikante" Zwischenfälle und Unfälle geführt.
Was muss getan werden, um die Atomanlagen in Frankreich sicherer zu machen?
Schneider: Der größte Mangel in Frankreich ist das atemberaubende Defizit an unabhängigen Experten und einer gut informierten Presse. Die Atompolitik wird in Frankreich nicht von der Politik, sondern von einer Technokraten-Elite entwickelt, angewandt und beaufsichtigt, die jenseits demokratischer Kontrolle operiert. Eine offene kontroverse Debatte, deren Ausgang offen ist, wird nicht geführt. Alle Debatten, ob in Parlament oder Öffentlichkeit, haben nur einen Make-up-Charakter.
Immer wieder Störfälle
Drei Zwischenfälle in diesem Jahr, vier im vergangenen Jahr. Ein Überblick über die jüngsten Zwischenfälle im Kernkraftwerk im lothringischen Cattenom.
Drei Zwischenfälle in diesem Jahr, vier im vergangenen Jahr. Ein Überblick über die jüngsten Zwischenfälle im Kernkraftwerk im lothringischen Cattenom.
20. April 2008: Während bei Wartungsarbeiten und dem Wechsel von Brennelementen der Reaktor abgeschaltet ist, fällt die Notventilation, die verhindern soll, dass Mitarbeiter bei einem Zwischenfall radioaktiver Luft ausgesetzt sind, drei Stunden lang aus. Laut dem Kraftwerksbetreiber, dem französischen Energiekonzern EDF, hat die Panne keine Auswirkungen auf die Sicherheit.
12. März 2008: Bei einem externen Mitarbeiter, der in dem Kraftwerk arbeitet, werden Rückstände radioaktiver Elemente entdeckt. Der Mann soll etwa dem Zwanzigfachen der höchstzulässigen Jahresdosis ausgesetzt gewesen sein.
10. März 2008: Bei Wartungsarbeiten fallen vier Lüftungsventilatoren aus, die die Temperatur in einem Raum unterhalb des Reaktors auf unter 75 Grad begrenzen sollen. Dadurch steigt die Temperatur auf 91 Grad an, was aber erst neun Stunden später festgestellt wird. Laut EDF besteht keine Gefahr für die Sicherheit des Atomkraftwerks.
17. August 2007: In der Nuklearzentrale an der französischen Obermosel kommt es zu einem Brand - Ursache unklar.
19. Juli 2007: Block vier des Kernkraftwerks schaltet sich ab. Grund ist ein defektes Gerät, das die Spannung misst. Zunächst wird der Zwischenfall auf der siebenstufigen Skala mit Null ("unauffällig") gewertet, Monate später dann mit Stufe eins ("Anomalität"). Die französische Atombehörde kritisiert in diesem Zusammenhang Mängel der Sicherheitskultur in Cattenom.
11. Juli 2007: In der Mosel rund um das Kernkraftwerk werden erhöhte Zinkwerte gemessen. Die Panne habe keinen Einfluss auf die Umwelt, heißt es. (wie)