23.12.2009

Vergessen wir Kopenhagen!

Rubrik: Energie und Klimaschutz

 

Lesen Sie das Kommentar von Professor Dr. Bernd Hamm, dem stellvertretenden Vorsitzenden des LA21-Vereins zur Klimakonferenz in Kopenhagen



Bernd Hamm (20.12.2009)

Selten hat ein Berg so lange und so heftig gekreißt, um so wenig hervorzubringen: Insgesamt 45.000 Menschen sollen in der einen oder anderen Rolle an den Klimaverhandlungen in Kopenhagen teilgenommen haben, der bei weitem größten Konferenz der Vereinten Nationen und, gemessen am Ergebnis, einer der erfolglosesten. Kaum ein Regionalsender, keine auch nur mäßig bekannte NGO, die nicht mit einem eigenen Korrespondenten direkt und möglichst täglich vom Ort des Geschehens berichten wollten, vom Polizeiaufgebot zum Schutz vor vermeintlich gewaltbereiten Demonstranten ganz zu schweigen. Dabei waren die drei Fragen, um die es ging auf dem Weg zum einem Nach-Kyoto-Regime lange bekannt, einfach formuliert, hinlänglich präzis und unausweichbar: Es sollte um ein völkerrechtlich bindendes Abkommen gehen, es sollten quantifizierbare und überprüfbare Ziele für die Reduktion von Treibhausgasen vereinbart werden, und den Entwicklungsländern sollten Mittel zugesagt werden, um sich an die Folgen des Klimawandels besser anpassen zu können. Und dann dies: Es bleibt im Kopenhagen Accord lediglich beim vagen Vorsatz, dass eine Erwärmung über eine globale Zunahme von 2° C hinaus verhindert werden solle. Das wie, das von wem, das was bis wann, das was wenn nicht – nichts davon ist auch nur annähernd beantwortet. Wir sind seit 1972 (Stockholm), seit 1992 (Rio de Janeiro), seit 1997 (Kyoto) nicht voran gekommen, das gesamte Paket der globalen Klimapolitik, in den Sonntagsreden das wichtigste aller Weltprobleme, steht wieder zur Disposition. Bei dieser Verhandlungslage wird es einfach sein, im nächsten Jahr in Mexiko selbst den minimalsten Konsens als Erfolg für die Menschheit herauszuputzen.

Viel wäre gewonnen, hätten wir das viele Geld anders eingesetzt: Dass der Treibhauseffekt vor allem aus der Verbrennung fossiler Primärenergien stammt ist längst bekannt, so wie die Mittel, ihn drastisch zu reduzieren. Dazu bedarf es keiner Konferenzen und keiner Abkommen. Würden wir damit nicht besser unsere Baubestände dämmen, Windkraft- und Photovoltaikanlagen bauen, unser Verkehrssystem ändern? Wir wissen doch was zu tun ist, es ist einfach und vernünftig – und wird nicht getan, jedenfalls nicht in den nötigen Dimensionen. Vielleicht sollten wir ein Strafrecht schaffen, dass die Energieversorgungsunternehmen haftbar macht für die Schäden, die sie an künftigen Generationen anrichten – schnell würden sie ihre Unternehmenspolitik ändern. Der inbrünstige Streit um Details in einem Kyoto-Nachfolgeabkommen tritt an die Stelle praktischen Handelns.

Die Abkehr von fossilen Primärenergien hat zwar mit Klimaschutz zu tun, aber sie ist auch aus völlig anderen Gründen geboten: Über der Schädlichkeit der Emissionen wurde die Endlichkeit der Vorräte vergessen; die politische Abhängigkeit von Regierungen, mit denen wir ansonsten ungern im gleichen Bett angetroffen werden wollen; der Export von Wertschöpfung, damit größenwahnsinnige Scheichs durch ihre importierten Sklaven größenwahnsinnige Projekte hochziehen lassen.

Was also ist so schlimm an dem Kopenhagen-Flop? Wird die Bundesregierung deswegen das Erneuerbare Energien-Gesetz kippen? die Wärmeschutzverordnung, die Förderung der Kraft-Wärme-Kopplung aufheben, ihre Klimaschutzinitiative beenden? Gelten jetzt die Nachhaltigkeitsstrategien der EU und ihrer Mitgliedsländer nicht mehr? Wird China seine Anstrengungen zur Förderung der Solarenergie einstellen? Wird deswegen das Desertec-Projekt gestoppt? Der Weg zur Beendigung des fossilen Zeitalters ist längst beschritten, auch wenn ein paar verspätete Dinosaurier daraus immer noch Gewinn quetschen mögen. Daran wird auch Kopenhagen nichts ändern. Vielleicht tut etwas mehr Gelassenheit gut, die Aufregung lohnt sich nicht.

Viel bemerkenswerter scheint mir, dass die Menschen trotz dieser Hypertrophie inzwischen wohl verstanden haben, was zu tun ist, und dass sie es tun. Für viele wird das Versagen der Politiker gerade neuen Ansporn bringen. Das eigentlich Erstaunliche an der Klimapolitik sind nicht die politischen Eiertänze, es sind die Menschen, die gegen alle Widerstände regenerative Energie voranbringen, Kohlkraftwerke verhindern, den Atomwahn stoppen. Sie, wir, werden unbeeindruckt weiter diesem Weg folgen, wir werden Häuser dämmen und Bahn fahren, wir werden Windräder bauen und Bürgersolarkraftwerke, wir werden unseren Kommunen Beschlüsse für erneuerbare Energien abringen, wir werden Dörfer und Städte energetisch und ökologisch erneuern, wir werden Kirchgemeinden überzeugen, zur Bewahrung der Schöpfung beizutragen. Die Bewegung ist längst im Gang, und sie wird sich durchsetzen. Vergessen wir Kopenhagen.


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